Eine Erzählung von B.All meine Ängste, Hoffnungen, Sorgen, Träume, Pläne verloren am --. -- 20-- jede Gültigkeit. Ein Blitz, heller als tausend Sonnen, zuckte über den Horizont eines diesigen Himmels, der auf der unangenehmen, feuchtwarmen und drückenden Luft wie ein Topfdeckel lag. Das schmerzhafte, orangefarbene Licht entfesselte Feuerstürme, die Atmosphäre vibrierte als würden gewaltige Sprünge in den Kosmos gerissen. Ich stand wie angewurzelt am Fenster meiner Wohnung, gelegen in irgendeinem Plattenbau in einem der verufensten Randbezirke der Stadt. Ich ignorierte die berstenden Fenster und die Wunden, die das Glas hinterließ, so gefesselt war ich von dem Anblick, der sich mir bot. Richtung Westen sah man nichts als eine hellrote, wabernde Masse, die Glutwolken und brennende Stürme gebar, gekrönnt von einer Rauchwolke, die teuflische Formationen bildete. Ich hatte keine Zeit, irgendwelche Gedanken und Vermutungen über diesen Weltenzerstörer anzustellen, denn ein weiterer, noch grauenhafter Ruck stieß mich ins dunkel.
Ich erwachte unter einem Berg unsäglich zugerichteter Leiber, die allesamt wie Spottgebilde und verzerrte Fratzen menschlichen Lebens aussahen. Die Luft war erfüllt von eklen Gerüchen und trotz der Masse, in denen die Ausdünstungen den Äther bevölkerten, würde ich jeden einzelnen wieder erkennen. Nach einigen Mühen hatte ich mich freigekämpft und stolperte aus dem staubigen Zwielicht heraus, um mir irgendwo einen Überblick über das Geschehene verschaffen zu können. Ich fand mich inmitten von Trümmern und geisterhaften Ruinen wieder, erleuchtet von einer in ungesunden Rottönen scheinenden Sonne. Die Luft war giftig und abstoßend, bevölkert von Staubpartikeln und Asche. Ein kühler Wind kam auf und am Horizont zeichneten sich dunkelgraue Wolkengebilde ab. Ziellos lenkte ich meine Schritte durch die Betonschluchten, unter ständiger Beobachtung der Trümmerberge und der Gebäudereste, die mit ihren zerschlagenen, leeren Fensterhöhlen anklagend auf mich herabblickten. Ich begann zu rufen und zu schreien, in der blassen Hoffnung, irgendwer würde es hören, obwohl ich innerlich wusste, welchen Erfolg ich damit erzielen würde. Irgendwann hatte ich einen Park erreicht. Inzwischen war der Himmel immer mehr zugezogen und bald fiel nasskalter Regen, dessen Tropfen auf der Haut zu brennen und zu ätzen schienen. Irgendwo in der Ferne rollte verhaltener Donner. Meine Schritte lenkten mich an einer stämmigen, alten Eiche vorbei, deren Blätter trotz der Jahreszeit schon welk und der Welt überdrüssig schienen. An einem archaisch und ehrwürdig aussehenden Ast baumelte ein Mann in militärischer Kleidung an einem festen, noch neu wirkenden Strick. Er trug ein Schild um den Hals, auf dem in großen, roten Buchstaben "Ich war der letzte" geschrieben stand. Einen Moment lang verfiel ich in ein bitteres Lachen, ob des Irrtums dieses armen Teufels. Ich suchte das Ende des Stricks, das am Baum befestigt war, fand es, band es los und sah mit einer irren Belustigung, wie der Leichnam zu Boden sauste. Ich untersuchte die Taschen des Mannes, ob sie irgendetwas brauchbares enthielten und bemächtigte mich schließlich eines Messers, etwas Munition, ein paar Spritzen und ein paar Mullbinden, ohne genau zu wissen, was damit anzufangen war. So gut es ging scharrte ich dem Soldaten anschließend ein Loch in der Erde, legte ihn hinein, bedeckte ihn mit Erde und Laub und murmelte ein paar Verse. Anschließend legte ich mich erschöpft daneben ins feuchte Gras, in geduldiger und fast freudiger Erwartung meines eigenen Endes.
Ich schrak verschwitzt aus wirren Träumen, die mich vermutlich den Rest meines Verstandes gekostet hätten, würde ich mich noch an sie erinnern. Verwirrt wanderte mein Blick durch die nächtliche Schwärze, irgendwo in diesem Nichts halt suchend. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Der Himmel war wieder aufgeklart und der Kosmos breitete sich in seiner ganzen Herrlichkeit über mir aus, kein einziges irdisches Licht trübte die Nacht. Für einen kurzen Augenblick hob sich meine Stimmung, bis mir meine Lage wieder bewusst wurde. Ich litt unter einem bohrenden Hungergefühl und einem fast noch schlimmeren Durst. Mein Blick verfing sich unwillkürlich in der sich dunkel abzeichnenden Silhoutte von dem, was einmal die Innenstadt gewesen war. Die Hochhäuser (oder das, was von ihnen übrig war) standen noch und bohrten sich wie Dolche in das Firmament. Irgendwo aus der Ferne erklang ein Schrei, den ich unter anderen Umständen als mark- und beinerschütternd beschrieben hätte, doch in diesem Moment war mir gleichgültig, welche abnormen Geschöpfe oder Dinge sich meiner bemächtigen könnten. So legte ich mich wieder nieder, auf meinen Schlafplatz am Grab des Soldaten, in gleichgültiger Erwartung des nächsten Tages.
Innerhalb der folgenden Tage erwachte ich langsam aus meiner Lethargie. Ich richtete mich in einem etwas außerhalb der Stadt gelegenen Armeestützpunkt ein, entdeckte einen noch weitestgehend intakten, alten Lastwagen und unternahm mit ihm regelmäßig Erkundungstouren oder fuhr mit ihm in die Stadt, um mich zu versorgen. Ich sammelte alle noch brauchbaren Waffen zusammen, verfuhr ebenso mit der Munition und baute mein erwähltes Lager nach und nach zu einer Festung aus. Ich wusste zwar nicht, gegen wen oder was ich mich verteidigen sollte, doch auf der anderen Seite - wer weiß schon, was noch kommen konnte?
Da ich nun schon seit Wochen keinen anderen Menschen mehr zu Gesicht bekommen hatte, begann ich, das Leben etwas heiterer anzugehn. Ich sammelte einige Pappkameraden, die wohl früher für Schießübungen dienten, zusammen und reihte sie auf dem Apellplatz auf. Ich setzte den Generator wieder in Betrieb und hielt jeden Morgen und jeden Abend flammende, selbstgeschriebene Reden über die Lautsprecher. Manchmal, wenn mir nichts rechtes einfiel, spielte ich auch einfach Musik ab - entweder Ravels Orchesterversionen von Mussorgskis Bildern einer Ausstellung oder die rührselig-kitschigen Kompositionen des Krzesimir Debski. Auf dem Dach des Hauptgebäudes hisste ich unsere Staatsflagge. Die ganze Zeit über stand ich unter dem Einfluss von Schmerztabletten oder Alkohol. Mein Leben war ein wahnsinniger Rausch, getaucht in die rot-goldenen Farben des Spätsommers. Meine Erkundungstouren verkamen zu simplen Amokfahrten über kaputte und von vergessenen Autowracks bedeckte Straßen, während derer ich sinnlos mit einem alten Sturmgewehr in die Luft schoss und in Ekstase Huldigungen an mich selbst brüllte. Wenn ich besonderer Hochstimmung war, stellte ich mich auf das Dach des Hauptgebäudes und ließ meine Pappkameraden ewige Loyalität zu dem letzten Menschen und Gottimperator dieser leeren, verseuchten Welt schwören - mir, Vsevolod Ilyich Tkachuk.
Es waren wunderbare Tage, in denen ich ohne einen Hauch von Wehmut oder Kummer die herrliche Sinnlosigkeit meines Daseins zelebrierte. Ich ergötzte mich mit diebischer Freude daran, wenn ich erbrach oder meine Beine unter dem Gewicht meines mit himmlischen Giften verpesteten Leibes nachgaben und ich in Koma-ähnliche Phasen des stillen und starren Daliegens verfiel. Doch auch diese dekadenten Genüße wehrten nicht lange und bald traten Ereignisse ein, die meine Welt in ihren grundfesten erschütterten.
Die alleinige Weltherrschaft meiner selbst endete an einem jener Tage, die einen leichten aber einprägsamen Vorgeschmack auf die kalte, dunkle Jahreszeit geben. Der Himmel war von grauen, tiefziehenden Wolken erfüllt, aus denen hin und wieder schauerartiger Regen zu Boden fiel. Ich hielt eine meiner großartigen Reden zu meiner treuen und schweigsamen Armee, als ich auf dem Gelände jenseits meiner Festung drei schemenhafte Gestalten erblickte. Alleine die Tatsache, dass es außer mir noch Leben auf dem Planeten gab, versetzte mir einen solchen Stoß, dass meine Sinne endgültig kapitulierten. Ich erinnere mich noch, dass ich wirre Wortfetzen brüllte, bevor ich, geschockt und drogengeschwängert, ins Delirium fiel.
Ich erwachte im gedämpften Schein einer Nachttischlampe auf einem der Feldbetten in einer der Barracken. Es war inzwischen Nacht geworden und von irgendwo dort draußen erklang das nervtötende Geräusch der Grillen. Über mich beugten sich drei Gestalten: ein schwarzbärtiger Mann, um die 40 Jahre alt, ein Junge mit wirrem, dunkelblondem Haar, der kaum mehr als 12 Jahre zählen durfte und einen schon fast altklugen Gesichtsausdruck zur Schau trug und ein blaßes, schwarzhaariges Mädchen von vielleicht 16 oder 17, höchstens aber 18 Jahren.
"Sind sie in Ordnung?", fragte mich der Mann und obwohl sein Gesicht freundlich und der Ton seiner Stimme angemessen war, war ich nicht geneigt ihm zu Antworten. Er war eine abstoßende Erscheinung: das Gesicht wies zwar indogermanische Grundzüge auf, doch die Augenpartie war definitiv zentralasiatisch und seine Hautfarbe gemahnte fürchterlich an die Bewohner der Kaukasus-Nordhänge. Widerwillig rang ich mich zu einer knappen Bejahung seiner Frage durch. Es folgten noch einige weitere Fragen - ob ich der einzige sei und ob sie hier bleiben könnten. Ich bejahte die eine Frage und willigte auf letztere ein - die Kinder schienen glücklicherweise keinerlei Verwandtschaft mit dem Mischling (den ich mir vom Halse schaffen würde, sobald er mir unbequem wurde) zu haben und der letzte Rest Vernunft in mir schrie unnachgiebig nach Gesellschaft.
Meine drei neuen Mitstreiter stammten aus einem der armseligsten und verkommensten Vororte der Stadt, hatten die Katastrophe wie ich mit einer unerhörten Portion Glück weitestgehend unbeschadet überstanden und waren seit dem ziellos durch die Gegend geirrt. Der Mischling stellte sich mir als Marat, die Kinder als Arseniy und Alisa vor. Ich gewöhnte mich überraschend schnell daran, wieder unter Menschen zu sein und bald stellte sich wieder eine Art Routine bei mir ein. Die meiste Zeit waren wir nach wie vor damit beschäftigt, dröge in unserem Lager die Zeit totzuschlagen und die Tage vorbeiziehen zu sehn.
Veränderung stellte sich erst ein, als wir eines Tages ziel- und sinnlos durch die leere Stadt streiften. In einer der traurigen Ruinen entdeckte ich eine grob gearbeitete Einstiegsluke, die erst seit kurzem zu existieren schien. Mit einigen Mühen gelang es mir, das Ding aufzustemmen. Ich kletterte eine glitschige, klamme eiserne Leiter hinunter und fand mich in einem dunklen Nichts wieder. Ich schaltete meine Taschenlampe an, ohne ein großes Resultat zu erzielen, denn die Dunkelheit war so absolut, dass jedes Lichtteilchen verschluckt wurde. Ich tappte den Gang entlang und hörte nach einer gefühlten Ewigkeit Laute, die einer gedämpften Version dieses schrecklichen Schreis glichen, den ich an meiner ersten Nacht auf der leeren Erde vernommen hatte. Ich war erstaunt, denn diese Laute formten tatsächlich russische Worte, Phrasen und Sätze. Bald ließ sich auch der flackernde, kränkliche Schein eines kleinen Feuers erkennen. In einem jeder Logik entbehrendem Anflug von Euphorie beschleunigte ich meine Schritte und rief Grußworte, in der festen Überzeugung, eine Gruppe Überlebender gefunden zu haben. Es erregte meinen Verdacht nicht im geringsten, keine Antwort zu erhalten. Endlich hatte ich die Lagerstelle erreicht.
Das Herz wollte mir stehn bleiben. Im Schein einer grünlich schimmernden Flamme hockte ein halbes Dutzend gräßlich entstellter Wesen. Ihre Haut schimmerte in ungesunden Gelbtönen und war von Geschwüren zerfressen, das Haar war ihnen nur büschelweise geblieben, an manchen Stellen schien sich ihre Haut abzuschälen. Sie waren in Lumpen gehüllt und stanken furchtbar. Ich war im Begriff, wieder fortzurennen, als sich eine der Gestalten erhob und mir ihre faulige Hand auf die Schulter legte. "Was willst du hier?", röchelte sie mir ins Gesicht. Ihr fauliger Atem wollte mich erbrechen lassen. "Du hast in unserer Welt nichts verloren. Verschwinde oder lebe mit den Folgen". Einige Augenblicke stand ich da wie gelähmt. Dann begannen meine Instinkte einzusetzen. Ich riss mir die Waffe von der Schulter und gab eine ungezielte Salve auf diese Zusammenkunft ab. Dann begann ich zu rennen, wobei ich auf dem schleimigen Untergrund mehrmals ausrutschte. Ich hastete die Leiter hoch, stemmte die Luke auf, knallte sie wieder zu und tat ein paar sehr tiefe Atemzüge.
Schweren Schrittes stapfte ich zurück zu den anderen, die bereits voller Ungeduld an unserem Lastwagen warteten. Hastig riss ich die Tür auf, schwang mich auf den Fahrersitz und startete den Motor. Auf der ganzen Fahrt wurde kein einziges Wort gewechselt. Endlich, in unserem Zuhause angekommen, brach Alisa das drückende Schweigen. "Wo warst du? Was hast du nur gesehn? So rede doch!". Nach einem langen Atemzug rang ich mich schließlich dazu durch, den Dreien von meinem Erlebnis zu erzählen. Am Ende waren alle reichlich bedrückt und wendeten ihre Köpfe bei jedem noch so leisen Knarren in Richtung des Kellergeschosses des düsteren Gebäudes. Wir beschlossen, die Nacht in einer der Barracken zu verbringen, wobei Nachtwachen eingeteilt wurden. Außerdem verrammelten wir die Tür zum Keller mit allem, was wir nur finden konnten. Am nächsten Morgen schafften wir auch den Rest unserer Ausrüstung in die Barracke. Bei einem faden Frühstück, bestehend aus Dosenfutter und Mineralwasser, schmiedeten wir Pläne, wie wir weiterverfahren sollten. Wir kamen überein, dass wir auf jeden Fall mehr über diese Ausgeburten des Wahnsinns herausfinden mussten, wollten wir uns vor ihnen schützen. Einer von uns musste sie wohl oder übel beschatten. Wir beschlossen, um diese undankbare Aufgabe zu losen und - meine Freude darüber lässt sich kaum beschreiben - es traf Marat, den widerwärtigen Mischling. Seine Aufgabe wurde für den nächsten Tag angesetzt und ich beschloß, die beiden Kinder im Umgang mit Schusswaffen vertraut zu machen. Es war keine leichte Angelegenheit - Arseniy erwies sich zwar als ein Naturtalent, seine Schwester hingegen (bei den beiden handelte es sich um ein Geschwisterpaar, wie ich erfahren hatte) stellte sich dafür umso ungeschickter an. Nach einigen Anstrengungen behob ich jedoch auch dieses Problem. Den Rest des Tages verbrachten wir in banger Erwartung und besonders Marat merkte man seine Nervosität an.
Der nächste Morgen brach grau und schwer an. Es hatte wieder geregnet und über den Feldern lagen sanfte Nebelschleier. Ich gab Marat einen Stadtplan, auf dem ich den Ort mit einem schwarzen Filzstift markiert hatte, gab ihm ein Sturmgewehr samt Munition mit und wünschte ihm Glück - nicht, weil ich plötzlich Zuneigung zu ihm gefasst hätte, sondern schlicht wegen der Wichtigkeit seiner Aufgabe.
Den Tag verbrachten wir in bangem Warten. Es bot sich ein seltsamer Kontrast - draußen brach die Sonne langsam durch die Wolken und goß ihre gelborangenen, schon fast hoffnungsfrohen Strahlen über die Welt und wir saßen in unserer Barracke, versunken in düsteres Brüten. Langsam brach der Abend an und unsere Stimmung sackte immer weiter ins bodenlose. Arseniy legte noch den optimistischsten Ausdruck an den Tag, doch er war noch ein Kind und sein Verstand begriff das ganze Geschehen vermutlich noch halb als eine Art Spiel.
Schlußendlich, mit den letzten Strahlen der verblassenden Sonne, hörten wir das Brummen des alten, schwerfälligen Militärlastwagens. Wir liefen hinaus, teils erleichtert, teils von neuem angespannt.