Mittwoch, 14. April 2010

"Dafür"

Eine Kurzgeschichte von K.

Grau trieben Wolken über dem Innenhof der alten, noch mit vielen Türmen und Zinnen erbauten Burg, und ebenso grau zog der morgendliche Nebel durch die Luft. Dazu trommelte ein kühler, leichter Regen unentwegt auf die Erde und ließ die durch den Nebel so farblos wirkende Kulisse noch eintöniger, noch lebloser erscheinen. Im Inneren der Burg befand sich eine Zelle, in der wiederum Zwei Männer saßen, die von dem Wetter nichts wussten. Seit Tagen schon waren sie eingesperrt in dem kleinen, steinernen Raum, der abgesehen von ein paar dreckigen, mottenzerfressenen Matten auf dem Boden und einem Holztisch völlig kahl war. Einer von ihnen, ein junger, kräftig aussehender Mann, saß vollkommen lethargisch in einer Ecke des Raumes und schien völlig abwesend den Tod zu erwarten. Er war in einen grauen Mantel gehüllt, der ihn, genau wie seine aschefarbenen Haare, völlig unauffällig wirken ließ. Einzig seine stechend grünen Augen verliehen seiner Erscheinung etwas bemerkenswertes; sie waren trotz des ausdruckslosen Gesichtes und des erschöpften, geschundenen Leibes, der in einer Hoffnungslosigkeit ausdrückenden Lage verharrte, voller Leben und sprühten vor Energie. Die Augen, so hieß es, waren der Spiegel der Seele; und diese Seele, urteilte man nach den Augen, bestand gleichzeitig aus einer Art fatalistischer Resignation und einem Drang, etwas an den Geschehnissen zu verändern.

Dieser Blick verharrte auf dem zweiten Mann, einer etwas kleineren, gedrungenen, aber auch älter und erfahrener wirkenden Gestalt. Er wiederum würdigte den Fatalisten keines Blickes, sondern starrte wie hypnotisiert auf die Zellentür, die seinem Blick jedoch standhielt und sich um keinen Zoll bewegte. Er war ebenfalls in einen in Fetzen von seinem Körper herabhängenden grauen Mantel und hohe, schwarze Lederstiefel gehüllt. Mit der linken Hand fuhr er sich laufend durch den dichten, dunkelbraunen Schnauzbart, die andere krallte sich in die Kante des einsamen Holztisches. Keiner von ihnen sprach ein Wort, bis der Fatalist schließlich die unnatürlich wirkende Stille unterbrach. Er hustete, dann entschied er sich endlich, zu sprechen.

„Bereust du es?“ fragte er. Während er diese wenigen Worte aussprach, wandelte sich sein Gesicht von einer leblosen Steinmaske zu einem Spiegel seiner wahren Gefühle; sogar ein Lächeln schlich sich langsam auf seine trockenen, spröden Lippen und verlieh ihm einen Hauch Bösartigkeit. Der Andere schwieg lange, so lange, dass man hätte meinen können, dass er die Frage nicht gehört hat. „Nein. Es musste sein.“
Der Fatalist nickte. Nun lächelten sie beide sich an und ihre Blicke verharrten aufeinander.
„Wahrlich, wir sind längst dem Tod versprochen. Wir sind gezeichnet. Was würde Reue noch ändern? Der einzige Unterschied ist, ob man erhobenen Hauptes stolz in sein Ende marschiert, oder sich still verkriecht und mit Gewalt zum letzten Atemzug zwingen lässt, als wollte man der Welt noch einige Sekunden Lebenszeit rauben.“

Als hätte man an ihrer Tür gelauscht, schob sich der Riegel plötzlich mit einem lauten, unangenehmen Geräusch zurück. Beide fuhren erschrocken zusammen. Ein edel gekleideter Mann, vom Hals bis zu den Knöcheln von schwarzem Same bedeckt, trat in den Raum. Es tropfte von seiner Kleidung, vermutlich war er durch den Regen gelaufen. Die stickige Luft schien ihm nicht zu bekommen; er hustete, wobei er sich mit einer auffallend ausholenden Geste die Hand vor den Mund hielt. Verächtlich sah er die auf dem Boden sitzenden, ungepflegten Gestalten an und lächelte boshaft. „Jetzt. Bringt sie raus auf den Hof.“
An wen diese Worte gerichtet waren, konnte der Fatalist nicht sehen. Der Andere jedoch saß in der gegenüberliegenden Ecke und betrachtete nicht den älteren Mann, der sie gerade dem Tod ausgeliefert hatte, sondern die jungen, unendlich müde aussehenden Soldaten, die außerhalb der Zelle standen. Sie wirkten nervös und unsicher. Natürlich, sie würden gleich Menschen töten. Und zwar nicht im Gefecht; keine bewaffneten Feinde, die ihnen nach dem Leben trachteten, sondern unbewaffnete, müde Gestalten, die eher wie unruhige Irrlichter als wie Menschen wirkten.

„Los!“, ertönte es von dem langsam ungeduldig werdenden Mann in schwarz.
Die Soldaten salutierten und ergriffen zuerst den Anderen, der Anstalten machte, sich gegen ihre Griffe zu wehren, dann jedoch resigniert aufgab, seinen Rücken entkrümmte und sich gemächlich auf den Hof führen ließ. Der Fatalist stand von selbst auf und folgte dem Anderen, ohne einen der Soldaten berührt zu haben. Er schien eine Aura der Bedrohung auszustrahlen, die den Soldaten Angst einjagte, die sie jedoch nicht wirklich begriffen, da er ja gefahrlos zu sein schien. Nach vielen Stufen waren sie schließlich in der Eingangshalle, wo ihnen ein milder Wind entgegen blies. Die beiden Delinquenten schritten den Weg bis zur Tür entlang, so sie für einen Moment stehenblieben. Sogleich trafen sie die unbarmherzigen Ellenbogen der Soldaten, die sie hinaustrieben. Der lauwarme Wind trug ihnen durch den mittlerweile abgeflauten Regen einen leicht süßlichen Geruch zu.

Sie gingen einen schmalen, gepflasterten Pfad entlang, der zu einer beschädigten, von rostbraunen Flecken übersäten Wand führte. Abseits des Pfades blühte der Wermut, und am Horizont erstreckte sich ein Feld aus Vergissmeinnicht. Unberührt von dieser malerischen Szenerie fauchte der Andere die Soldaten an -
„Wollt ihr uns den letzten Wunsch vorenthalten? Ihr Schweine!“
Von seinem Gefühlsausbruch nur mäßig beeindruckt drängten die Soldaten sie weiter. Der Fatalist hingegen konnte seinen Blick von dem Blumenfeld nicht abwenden und musste dafür einige Schläge erdulden, ehe er sich endlich an die Wand stellte. Schließlich gaben die Soldaten dem Drängen des Anderen nach, als der schwarz gekleidete winkte und einige Worte an sie richtete. „Sie sind in einigen Augenblicken nichts als Fraß für die Maden; lasst sie ruhig ihre letzten Wünsche bekommen, solange noch Seelen in ihren Leibern wohnen.“
Die Soldaten nickten eifrig und fragten, was die Delinquenten begehrten. Der Andere verlangte eine Zigarette, die ihm sogleich angezündet und in die Hand gegeben wurde.
„Und was willst du?“, fragten sie den Fatalisten. „Einen Schluck Wein.“ entgegnete er bar jeder erkennbaren Emotion. Einer der Soldaten drückte ihm eine beige Feldflasche in die Hand. Der Fatalist nahm sie, bedankte sich, und setzte sie an seine Lippen. Der rote Saft, der die gleiche Farbe hatte, wie die untergehende Sonne an jenem warmen Aprilabend, benetzte seine Kehle und ein wohliges Gefühl der Wärme floss seinen Rachen hinab.

Wie in Trance trank er die Flasche, leerte sie bis auf den Grund und hielt sie auch noch darüber hinaus an den Mund. Inzwischen hatten die Soldaten Stellung bezogen und richteten ihre Läufe auf die beiden Männer. „Die Zeit des Abschiedes scheint nahe“, sagte der Andere.
Abwesend nickte der Fatalist. „Richtig…“, begann er, „doch was für ein Abschied dies doch ist. Zu sterben, durch Gewalt aus dem Leben gestoßen zu werden, und dabei doch überzeugt davon sein, richtig gehandelt zu haben. Welch Triumph! Welch Ehre!“.
Schüsse erklangen. Die bleiernen Geschosse verließen ihr Heim und ließen ein tosendes Gewitter aus todbringendem Metall aufpeitschen; mühelos durchschlugen sie die Körper der beiden Männer und ließen sie zu Boden stürzen. Blut spritzte, benetzte die Wand hinter ihnen.
Der Fatalist schaffte es noch einmal, sich aufzurichten, die Kugeln hatten ihn in den linken Arm und in die Brust getroffen. Sitzend lehnte er sich an die Wand und lächelte.
„Es ist wahr. Dafür sind Helden da…“

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