Die Fortsetzung einer Erzählung von B.
Marat war von schrecklichen Wunden gezeichnet. Seine Haut hatte einen ungesunden Ton angenommen und er war kaum noch fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wir schleppten ihn in unsere Barracke und versuchten, irgendetwas aus ihm herauszubekommen, doch er blieb stumm und seine Augen starrten ausdruckslos in die Leere. Die Nacht verging quälend langsam und übertraf den Tag an Bedrückung und Trostlosigkeit um ein tausendfaches. Wachen einzuteilen war überflüssig, da niemand von uns an Schlaf denken mochte - nur Marat lag auf seinem Feldbett und schlief, ruhig, traumlos, wie ein Stein. Jedes Leben schien aus ihm entwichen zu sein, und wie grauenhaft er zugerichtet war...die Abscheu, die ich früher vor ihm empfand war verschwunden und hatte auf der einen Seite einem Gefühl von Schuld und Mitleid, auf der anderen Seite einer vagen und obskuren Furcht Platz gemacht. Das verlassene Militärlager, das zu unserer Heimat geworden war, verströmte nun eine Atmosphäre kalter Boshaftigkeit. Die Luft in unserer Barracke schien mit jeder der unerträglich langsam verstreichenden Minuten giftiger zu werden. Wenn wir zum Hauptgebäude blickten, überkamen uns eisige Schauer.
Endlich begannen sich am Horizont die ersten Anzeichen der Morgendämmerung zu zeigen, doch Erleichterung brachte sie uns nicht. Im Gegenteil, je heller es wurde, desto elender fühlten wir uns. Allem um uns herum schien eine abgrundtiefe Feindseligkeit inne zu wohnen und mit jedem neuen Objekt, das aus der Dunkelheit erwachte, wuchs ein Gefühl des Umzingeltseins und der Hilflosigkeit. Als die Sonne schließlich ihre ersten Strahlen in den Raum schickte, weckten wir Marat. Er sah noch übler aus und verharrte weiterhin in seinem seltsamen Schweigen. Als wir schließlich das übliche, fade Frühstück einnahmen, begann er endlich etwas zu murmeln. "Wir müssen fort von hier."
Sein Tonfall und der Satz waren noch unheimlicher als sein Schweigen. Doch wir taten, wie uns geheißen, denn unsere Beklemmung hatte sich mittlerweile fast zur Panik gesteigert. Wir rafften unsere Sachen zusammen und luden alles auf den Lastwagen, Munition, Waffen, Nahrungsmittel und was wir sonst noch für brauchbar empfanden. Ich startete den Motor und als die anderen endlich eingestiegen waren fuhren wir los. Wir hatten weder eine Ahnung, wohin wir sollten noch was uns die kommende Zeit bringen würde. Ich warf einen letzten, fast sehnsüchtigen Blick, auf den nun wieder stillen Armeeposten. Gleichzeitig ergriff uns eine gewisse Erleichterung, diesen so unheimlich gewordenen Komplex zu verlassen.
Leere Straßen, verlassene und verfallene Häuser, Trümmer und Wracks flogen am Fenster vorbei. Irgendwann erreichten wir eine Fernstraße, die zu unserer angenehmen Überraschung völlig leer gefegt war. Mittlerweile war vom Westen her ein Gewitter aufgezogen. Der Himmel war dunkelgrau. Es blitzte im Sekundentakt, es gab keinen Donner sondern nur ein kontinuierliches Grummeln. Der Regen war dermaßen heftig und schwer, dass die Phrase "Es regnet Bindfäden" einer Untertreibung gleich kam. Viel eher fielen Wasserwälle vom Himmel. Die anfängliche Erleichterung, unsere unerträglich gewordene Behausung verlassen zu haben, war längst verflogen. Wir fühlten uns eingeengt und bedroht, wie in jeder Sekunde nach Marats Rückkehr und der Sturm war diesem Gefühl nicht gerade abträglich. Ich hatte die Augen fest auf die Straße fixiert und mein Blick schweifte nur hin und wieder zu meinen Begleitern. Arseniy hatte seinen Kopf an die Schulter seiner Schwester gelehnt und war eingeschlafen, Alisa blickte sorgenvoll und bekümmert in die Sturzbäche, die von der Scheibe rannen während sie ihrem schlafenden Brüderchen mit der einen Hand durch das Haar strich und mit der anderen Hand die seine fast krampfhaft umklammert hielt. Marat saß rechts außen und wirkte leblos und unbeteiligt, ganz wie eine Puppe - eine vernarbte Puppe, deren Hautton immer ungesünder wurde.
In einem Waldstück nahm unsere Fahrt schließlich ein Ende. Die Straße wurde von einigen massiven Baumstämmen versperrt, deren Anordnung mich irgendwie stutzig machte. Zwar waren umgestürzte Bäume gerade bei solch einem Wetter keine Besonderheit, doch es schien fast, als hätte jemand mit System eine Straßensperre errichtet. Eine Weile saßen wir ratlos in dem stehenden Fahrzeug, dann beschloßen wir, getrieben von Erschöpfung und der anbrechenden Dunkelheit, die Nacht hier zu verbringen und uns morgen des Problems anzunehmen. Zum Schlafen mussten wir uns wohl oder übel mit der Fahrerkabine begnügen, als Wärmequelle diente uns die Heizung, zur Unterhaltung diente eine Kassette mit schwermütigen Balladen und ein abgegriffener Gedichtband von Taras Shevchenko, den ich aus irgendeinem Grund in meiner Jackentasche vorfand und aus dem abwechselnd Arseniy, Alisa und ich im Licht einer Taschenlampe lasen. Wir vermieden es möglichst, nach draußen zu sehn, denn die hohen, windgepeitschten Bäume wirkten drohend und furchteinflößend. Wir waren erleichtert, als schließlich die Nacht einbrach und uns, bis auf die hin und wieder über den Himmel zuckenden, bläulichen Flächenblitze völlige Dunkelheit umgab.
Die anderen schliefen längst, als ich beschloss, mir nach der langen Fahrt die Beine zu vertreten. Ich griff zu einer Taschenlampe, angelte meine Waffe unter der Sitzbank hervor und fischte ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug aus meiner Jackentasche. Die Jacke ließ ich im Wagen, denn nach der Hitze, die sich mittlerweile in der Fahrerkabine ausgebreitet hatte, dürstete mein Körper nach einer Abkühlung. Der Äther schien vor Bösartigkeit zu brodeln, jedes Knacken ließ mich zusammenfahren und sogar der Geruch des nassen Asphalts, den ich seit meiner Kindheit geliebt hatte, kam mir auf einmal ekelhaft vor. Nichtsdestotrotz schlenderte ich etwas im immer noch schwer und kalt fallenden Regen umher und zündete mir eine Zigarette an. Als ich in die Fahrerkabine zurückkletterte, erfasste mich tiefe Erleichterung, mich nicht mehr der düsteren, unbekannten Außenwelt gegenüberzusehen. Trotz meiner Erschöpfung konnte ich nicht sofort einschlafen. Es war quälend, denn wegen den beengten Verhältnissen vermochte ich mich nichtmal herumzuwälzen, wie man es sonst in solchen Fällen zu tun pflegt. Nach einer Ewigkeit schließlich begab ich mich endlich in Morpheus' Arme.
Der nächste Morgen war angebrochen, immer noch grau, windig und verregnet. Ich erwachte als erster und während die anderen noch schliefen, behob ich das Problem mit der Straßensperre mithilfe einiger Haftminen. Wir folgten der Straße weiter und weiter, immer noch ziellos. Auch nachdem die anderen erwacht waren, wurde kein Wort gewechselt. Die einzigen Geräusche, die die bleierne Stille brachen, waren das Klatschen des Regens auf der Scheibe und das Schnaufen des Motors. Meine Augen waren auf den Horizont fixiert, auf jenen Punkt, an dem der endlose, graue Himmel mit der Erde zusammentraf. Die Landschaft war monoton und gab dem Auge ansonsten keinen Halt, zumindest existierte nichts, was einen Blick zur Seite wert gewesen wäre. Ich hoffte, unsere Fahrt würde bis ans Ende unseres Lebens dauern, denn nichts an der Außenwelt wirkte freundlich und einladend, nichts spendete Trost oder Hoffnung und ich fürchtete den Augenblick, in dem uns das Benzin ausgehen würde oder uns die Umstände auf sonstige Weise zwingen würden, anzuhalten. Marat wirkte immer abnormer. Ein unangenhemer, wenn auch nur unterschwellig wahrnehmbarer Geruch ging von seinen Wunden aus, seine Wangen waren eingefallen, sein Blick glasig und noch lebloser als am vorigen Tag. Mir schien es auch, als würden die Kinder Zentimeter um Zentimeter von ihm wegrücken, fast, als wäre er giftig geworden. An einer von Wracks gesäumten Ausfahrt sprach er plötzlich wieder, das erste Mal seit unserem Aufbruch."Abbiegen!". Obwohl wieder gemurmelt und leise entbehrte dieser Satz doch nicht einem gewissen, herrischen Befehlston.
Die Ausfahrt führte uns auf eine etwas schmalere, von Wald und Sumpf gesäumte Straße, die nach einiger Zeit an einem See vorbeiführte. Dort erhob Marat seine Stimme ein zweites Mal, so erheben der richtige Ausdruck für sein Murmeln ist. "Hier anhalten. Wir können nicht weiter", flüsterte er mit einem sowohl ängstlichen als auch bedrohlichen Unterton, der jeden Versuch, nach dem Grund zu fragen, unmöglich machte. Am Ufer fand sich zwar eine kleine Hütte, deren Zustand aber derart miserabel war, dass wir es vorzogen, einmal mehr in der Fahrerkabine zu nächtigen. Die Landschaft war reizvoll und so beschloss ich, etwas am Ufer entlang zu spazieren. Das Ufer war an dieser Stelle bestanden von Schilfgras und ein paar Bäumen, auf der anderen Seite sowie am linken und am rechten Ufer stand ein dichter, meist aus Nadelbäumen bestehender Wald. Ich tat also ein paar Schritte, doch schon nach wenigen Augenblicken packte mich ein namenloses Gefühl, das mir kalte schauer über den Rücken jagte. Ich machte auf der Stelle kehrt, beschleunigte meine Schritte und war heilfroh, als ich wieder bei meinem Ausganspunkt angelangt war.
Die Kinder und - sehr zu meinem Erstaunen - auch Marat hatten den Wagen inzwischen verlassen. Arseniy sammelte Beeren von einem Strauch, Marat stand planlos und unbeteiligt, ganz wie ein Schlafwandler, daneben und stierte Löcher in die Luft, Alisa saß, etwas weiter von den beiden entfernt, auf einem Steg aus morschem Holz, der wohl früher zu dem verfallenen Bretterverschlag gehört hatte und guckte gedankenverloren in das dunkle, stille Wasser. Marat unterbrach die Stille ein drittes Mal, wieder mit einer nebulösen, gemurmelten Äußerung, diesmal an Arseniy gerichtet. "Lass die Finger von den Pflanzen hier! Sie bringen Unheil, der ganze Boden ist vergiftet!". So seltsam sein sonstiges Schweigen auch war, es war mir tausendmal lieber als diese seltsamen Phrasen und Wortfetzen, die er mit dieser fürchterlichen, kränklichen Stimme sprach.
Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und am Horizont schien der Himmel sogar aufzulockern. Es zeigten sich hier und da ein paar Flecken stahlblauen, reingewaschenen Himmels und hinter den Bäumen, am äußersten Rand des Horizonts, ließ sich die untergehende Sonne erahnen, die die Wolkenränder in ein orangefarbenes Licht tauchte. Als die Dunkelheit langsam zunahm, begannen wir nach trockenem Holz zu suchen, um ein wärmendes Feuer entzünden zu können. Nach den vorangegangenen Regentagen ist es allerdings müsig, zu erwähnen, dass unsere Suche nicht von Erfolg gekrönt war. Schließlich hatte Arseniy die Idee, in den Autowracks und der zerfallenen Hütte nach Brennmaterial zu suchen. Es kostete einiges an Mühen doch schließlich war es uns gelungen, ein ansehnliches Feuer zu entfachen, dessen Nahrung aus einer Rückbank, einer alten Couch und Unmengen an Kleinkram bestand. Wir standen um die zuckenden, tanzenden, hungrigen Feuerzungen herum und starrten in die gelbrote Leere, die Kinder und ich auf der einen, Marat auf der anderen Seite. Marats Gesicht wirkte im Flammenschein vollends geisterhaft, nichts menschliches schien mehr in ihm zu sein und jeder Blick, den ich in seine Richtung lenkte, ließ mich erschauern. Wir nahmen die letzte Mahlzeit des Tages zu uns und stellten nebenbei fest, dass unser Konservenvorrat nur noch begrenzt war. Früher oder später mussten wir also einen Abstecher in die nächstgelegene Ruinenstadt oder Ortschaft machen, wenn wir nicht verhungern wollten. Irgendwann gegen Mitternacht (sofern auf mein Zeitgefühl verlass ist - eine Uhr hatten wir seit langem nicht mehr gesehn) begaben wir uns schließlich in die Kabine, um zu schlafen.
Mittwoch, 28. April 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen